Das Voynich-Manuskript: Ein Buch, das niemand lesen kann
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In einer Bibliothek der Universität Yale liegt ein kleines Buch von etwa zweihundertvierzig Seiten, geschrieben auf Pergament in einer fließenden Schrift, die niemand je gelesen hat. Seine Seiten zeigen Zeichnungen von Pflanzen, die zu keiner bekannten Art passen, Kreisdiagramme mit Sternen und Tierkreiszeichen, Netze aus Röhren und Becken mit kleinen badenden Menschenfiguren sowie dichte Spalten von etwas, das ganz nach Text aussieht. Die Radiokarbondatierung des Pergaments setzt die Entstehung in die erste Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts, wahrscheinlich zwischen 1404 und 1438, irgendwo in Mitteleuropa.
Seinen heutigen Namen trägt das Manuskript nach Wilfrid Voynich, einem polnischen Buchhändler, der es 1912 in Italien kaufte und jahrelang versuchte, Gelehrte dafür zu gewinnen. Die frühere Geschichte lässt sich nur bruchstückhaft verfolgen. Das Buch taucht im Umkreis Kaiser Rudolfs des Zweiten in Prag auf, und ein Brief von 1665 begleitet es zu dem Jesuitengelehrten Athanasius Kircher nach Rom, dessen Nachfolger es bis ins zwanzigste Jahrhundert bewahrten.
Codeknacker beider Weltkriege, Sprachwissenschaftler, Informatiker und begeisterte Laien haben sich daran versucht. Alle paar Jahre wird eine Lösung verkündet, und keine wurde anerkannt. Ernst wird das Rätsel dadurch, dass sich die Schrift wie eine Sprache verhält. Worthäufigkeiten und Aufbau folgen den statistischen Mustern echter Texte und nicht zufälliger Buchstaben, was gegen eine simple Fälschung spricht, auch wenn eine kunstvolle nie ausgeschlossen wurde.
Das Voynich-Manuskript zählt heute zu den meistuntersuchten und meistfotografierten Büchern der Welt und steht frei im Netz, sodass es jeder versuchen kann. Es ist zum Spiegel dafür geworden, wie Menschen mit dem Unbekannten umgehen, denn die einen sehen verlorenes Wissen, die anderen einen schönen Betrug. So oder so erinnert es daran, dass ein einziger Gegenstand sechs Jahrhunderten kluger Leser standhalten kann.