Der Baltische Weg: Zwei Millionen Hände, 1989
1989 · event

Am Abend des 23. August 1989 traten etwa zwei Millionen Menschen auf eine einzige Straße und fassten einander bei den Händen. Die Kette reichte rund sechshundertsiebzig Kilometer weit, von Tallinn über Riga nach Vilnius, quer durch die drei baltischen Republiken, die damals zur Sowjetunion gehörten. Busse brachten Menschen aus den Dörfern, Familien standen auf leeren Straßenabschnitten beieinander, und fünfzehn Minuten lang hielt die Linie vom Finnischen Meerbusen fast bis zur polnischen Grenze.
Das Datum war genau gewählt. Fünfzig Jahre zuvor, am 23. August 1939, hatten die Sowjetunion und Deutschland einen Pakt unterzeichnet, dessen geheime Zusatzprotokolle Osteuropa in Einflusszonen teilten und Estland, Lettland und Litauen Moskau zuwiesen. Die darauf folgende Besetzung war jahrzehntelang geleugnet worden. Die Demonstrierenden baten nicht um eine Gefälligkeit, sie verlangten das Eingeständnis einer historischen Tatsache.
Der Umfang machte das Leugnen unmöglich. Die sowjetischen Behörden reagierten in der Presse mit Zorn, doch die Bilder waren bereits im Ausland, und im Dezember 1989 erkannte der Kongress der Volksdeputierten in Moskau die geheimen Protokolle an und erklärte sie für ungültig. Litauen erklärte im März 1990 die Unabhängigkeit, und alle drei Staaten hatten ihre Eigenstaatlichkeit bis zum Herbst 1991 wiederhergestellt.
Der Baltische Weg bleibt wegen seiner Methode ebenso in Erinnerung wie wegen seines Ergebnisses. Niemand wurde verletzt, nichts ging zu Bruch, und die gesamte Kundgebung bestand aus Menschen, die im Freien Hand in Hand standen. Ihre Dokumente wurden in das UNESCO-Register des Dokumentenerbes aufgenommen, und die Kette bleibt eine der größten friedlichen Kundgebungen, die je irgendwo veranstaltet wurden.