Der Untergang des Weströmischen Reiches: 476 n. Chr.
476 · event
In den letzten Tagen des Sommers zerriss und brach der letzte Faden, der Rom mit seinen westlichen Herrschaftsgebieten verband. Die Absetzung des Romulus Augustulus, eines Jünglings, dessen Name das Gewicht von Jahrhunderten trug, bedeutete keinen Zusammenbruch, sondern ein Verstummen, den unausweichlichen Abschluss eines langen, stockenden Niedergangs. Über Generationen hinweg waren die Mechanismen, die ein Reich von außerordentlicher Reichweite zusammengehalten hatten, brüchig geworden: Die Legionen, einst Roms Ruhm, waren an Zahl und Wirksamkeit geschrumpft; die Staatskasse, ausgehungert durch endlose Grenzkämpfe und innere Zwietracht, konnte den Apparat einer einheitlichen Herrschaft nicht länger unterhalten. Das Zentrum konnte die Peripherie nicht mehr beherrschen. Was ein halbes Jahrtausend lang bestanden hatte, erlag nicht einem einzigen Schlag, sondern der angesammelten Last der Unvollständigkeit.
Die Nachfolgereiche, das westgotische, das vandalische, das ostgotische und andere, traten hervor wie neue Sterne dort, wo das kaiserliche Licht erloschen war. Es waren keine Eroberungen durch fremde Horden, sondern vielmehr die allmähliche Verwandlung einer Welt, in der römische Soldaten und germanische Völker längst miteinander verwoben waren, in der Grenzen sich verwischt und Bevölkerungen sich vermischt hatten. Der Staatsapparat zersplitterte in regionale Herrschaften, jede von ihnen beanspruchte Legitimität, jede navigierte durch das seltsame Erbe römischer Institutionen und nachrömischer Wirklichkeiten.
Doch Rom verschwand nicht, es verwandelte sich. Die Kirche bewahrte und leitete das Erbe von Ordnung und Wissen weiter. Latein lebte fort in Gebet und Pergament. Über die Länder hinweg, die einst römisches Recht gekannt hatten, setzten Verwaltungsbeamte ihre Arbeit mit veränderten Werkzeugen fort. Die Sonnenfinsternis des Jahres 476 n. Chr. war tiefgreifend, doch sie war ein Ende nur in der Rechnung der Reiche, eine Neuordnung der Welt, die die kommenden Jahrhunderte gestalten sollte.