Die erste Website: Das Web geht online
1991 · event
Im Herbst 1991 machte in den stillen Gängen des CERN bei Genf ein britischer Physiker namens Tim Berners-Lee eine unscheinbare Geste, die die menschliche Zivilisation umgestalten sollte. Er veröffentlichte den Quellcode des World Wide Web für die ganze Welt, ohne dafür etwas zu verlangen, keine Patente, keine Lizenzgebühren, keine Kontrolle durch Unternehmen. Dieser Akt der Großzügigkeit entsprang einer Notwendigkeit, denn Berners-Lee hatte das Web drei Jahre zuvor als elegante Lösung für ein leidiges Problem erfunden: Wie könnten Tausende Wissenschaftler an verschiedenen Institutionen ihre Forschung ungehinderter austauschen? Die Antwort lag in einem System miteinander verbundener Dokumente, verknüpft durch unsichtbare sprachliche Fäden, die man Hyperlinks nannte.
Die erste Website erwachte zum Leben, eine bescheidene Seite, die das Web selbst beschrieb, fast schüchtern selbstbezüglich, als sei sie sich ihrer eigenen Bedeutung nicht sicher. Sie enthielt nur Text und Hyperlinks, schlicht und direkt, weit entfernt von dem Multimedia-Spektakel, zu dem das Web später werden sollte. Doch in dieser Einfachheit lag revolutionäres Potenzial. Indem Berners-Lee Dokumente in der Hypertext Markup Language kodierte und sie über das Hypertext Transfer Protocol übertrug, hatte er ein universell zugängliches Gemeingut geschaffen. Jeder mit einem Computer und einer Verbindung konnte gleichzeitig Leser und Verleger werden, und Jahrhunderte alte Hierarchien brachen zusammen.
Jener Novembertag markierte eine Schwelle zwischen zwei Zeitaltern. Die Geburt des Web wurde weder von Fanfaren begleitet noch groß gefeiert, es war nur ein Wissenschaftler, der auf „Senden“ klickte und zusah, wie etwas Leuchtendes in das gemeinsame Erbe der Menschheit einging. Innerhalb eines Jahrzehnts sollten Milliarden Menschen über diese offene Architektur suchen, teilen, lernen und sich verbinden. Indem Berners-Lee seine Schöpfung verschenkte, hatte er die Zukunft selbst verschenkt.