Gutenbergs erste Bibel: Das Wissen wird befreit

1455 · event

Gutenbergs erste Bibel: Das Wissen wird befreit

Im Kathedralenlicht von Mainz, irgendwann im Gnadenjahr 1455, vollendete Johannes Gutenberg das Werk, das sein Lebenswerk und seinen Erfindergeist verzehrt hatte. Die Gutenberg-Bibel, jener prächtige Folioband mit zweiundvierzig Zeilen pro Seite, entstand in seiner Werkstatt und trug das Wort Gottes in lateinischer Vulgata, jeder Buchstabe gedruckt mit metallenen Lettern, die sich neu anordnen und wiederverwenden ließen. Zweihundertachtzig Exemplare wurden nach dieser revolutionären Methode gefertigt, ihre Seiten mit solch erlesener Präzision und künstlerischer Schönheit gestaltet, dass Sammler später Mühe hatten, sie von den illuminierten Handschriften zu unterscheiden, an denen Mönche jahrhundertelang gearbeitet hatten. Doch hier lag der entscheidende Unterschied: Diese Seiten wurden vervielfältigt, nicht in einsamer Hingabe abgeschrieben, sondern durch ein mechanisches Wunder reproduziert.

Die Innovation war im Konzept täuschend einfach, in der Ausführung jedoch atemberaubend. Gutenberg hatte einzelne Buchstaben aus Metall gefertigt, jeder perfekt gegossen, die sich in Rahmen setzen und mit kontrollierter Kraft gegen Papier pressen ließen. Dies war nicht der Holzschnittdruck Asiens, sondern etwas gänzlich Flexibleres, Wirtschaftlicheres, in seinem Maßstab Menschlicheres. Eine einzige biblische Seite konnte nun Dutzende Male vervielfältigt werden, ohne die Ermüdung der Hand und die unvermeidlichen Abweichungen, die die Schreibertradition geprägt hatten. Die Revolution lag nicht in der Verzierung, Gutenbergs Handwerker ließen weiterhin Platz für handgemalte Illuminationen und Verzierungen, sondern in der Geschwindigkeit, der Zuverlässigkeit und der Demokratisierung des Zugangs.

Was Gutenberg sich nicht in vollem Umfang hätte vorstellen können, war die erdbebenartige Umwälzung, die seine Erfindung über die Welt bringen sollte. Innerhalb von fünfzig Jahren nach jener Mainzer Werkstatt hatten sich Druckereien über ganz Europa ausgebreitet, und das Wissen, einst eifersüchtig gehüteter Besitz der Kirche und der Wohlhabenden, begann seine Wanderung zu den vielen. Die Gutenberg-Bibel selbst wurde zum Symbol nicht nur religiöser Hingabe, sondern jenes Augenblicks, in dem die Menschheit nach einem Werkzeug griff, das letztlich ihr eigenes Bewusstsein umgestalten sollte, indem es das Monopol auf Worte und Ideen brach, das tausend Jahre lang bestanden hatte. Jene zweiundvierzig Zeilen pro Seite hatten eine Tür geöffnet, die nie wieder geschlossen werden konnte.

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