Ivo Andrić

1892 – 1975 · Bosnia and Herzegovina

Ivo Andrić

Bekannt für: Literaturnobelpreisträger, Autor der Brücke über die Drina

“Ein Erzähler der Brücken und der Menschen, die zwischen den Ufern lebten.”

Biografie

Ivo Andrić wurde im Oktober 1892 im Dorf Dolac bei Travnik geboren, in dem damals von Österreich-Ungarn verwalteten Bosnien, in eine arme katholische Familie. Sein Vater, ein Silberschmied, der sich als Schuldiener durchschlagen musste, starb an Tuberkulose, als der Junge zwei Jahre alt war; die verwitwete Mutter gab ihn zu Verwandten nach Višegrad. Dort wuchs er an der Drina und an der großen osmanischen Brücke des Mehmed Pascha Sokolović auf, in einer Stadt, in der orthodoxes, muslimisches, katholisches und jüdisches Leben nebeneinander bestanden und die er später sein eigentliches Zuhause nannte. Mit zehn Jahren brachte ihn ein Stipendium der kroatischen Kulturgesellschaft Napredak an das Gymnasium in Sarajevo, wo er sich mit Mathematik quälte, in Latein, Griechisch und Deutsch glänzte und Anschluss an die südslawische Jugendbewegung fand. Nach dem Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand im Juni 1914 verhaftete ihn die österreichisch-ungarische Polizei; eine Anklage kam nicht zustande, doch verbrachte er den größten Teil des Krieges in Haft und Konfinierung, bis zur Amnestie im Juli 1917.

Die Gefangenschaft machte ihn zum Schriftsteller: Sein erstes Buch, eine Sammlung lyrischer Prosa aus jenen Jahren, erschien 1918. Danach studierte er in Zagreb und in Graz südslawische Geschichte und Literatur, promovierte 1924 und stand zwei Jahrzehnte im diplomatischen Dienst des Königreichs Jugoslawien, zuletzt ab 1939 als Botschafter in Berlin, bis der deutsche Überfall im April 1941 seine Mission beendete. Er kehrte in das besetzte Belgrad zurück und lebte die Kriegsjahre still in der Wohnung eines Freundes, wo er schrieb, ohne auf eine Veröffentlichung hoffen zu können. Aus dieser Zurückgezogenheit entstanden Wesire und Konsuln, Das Fräulein und vor allem Die Brücke über die Drina, die der Brücke seiner Kindheit durch vier Jahrhunderte folgt und Generation um Generation von Bewohnern über sie hinwegführt, Osmanen und Österreicher, Muslime, Serben, Juden und Kroaten, bis 1914 die ersten Granaten einschlagen.

Nach dem Krieg bekleidete er im kommunistischen Jugoslawien repräsentative Ämter und genoss hohes Ansehen. 1961 verlieh ihm die Schwedische Akademie den Nobelpreis für Literatur und würdigte die epische Kraft, mit der er menschliche Schicksale aus der Geschichte seines Landes nachgezeichnet hatte; das Preisgeld stiftete er für den Aufbau von Bibliotheken in Bosnien und Herzegowina. Übersetzungen folgten, und seine Bücher fanden Leser weit über die Drina hinaus. Ende 1974 verschlechterte sich seine Gesundheit, am 13. März 1975 starb er in Belgrad. Die Belgrader Wohnung, in der er während der Besatzung geschrieben hatte, wurde zum Museum, und er bleibt der einzige Schriftsteller Jugoslawiens, der den Nobelpreis für Literatur erhielt.

← Himmel der Legenden