Avicenna
980 – 1037 · Persia

Bekannt für: Persischer Arzt und Philosoph, Verfasser des Kanons der Medizin
“Arzt an den Höfen Persiens, sechs Jahrhunderte lang Lehrer Europas.”
Biografie
Avicenna, in der persischen und arabischen Welt als Ibn Sina bekannt, wurde um das Jahr 980 im Dorf Afschana in Transoxanien bei Buchara geboren, in eine persische Familie, deren Vater in der samanidischen Verwaltung ein nahe gelegenes Dorf verwaltete. Bald siedelte die Familie nach Buchara selbst über, das damals mit Bagdad um den Rang der kulturellen Hauptstadt der muslimischen Welt wetteiferte und Gelehrte anzog. Die Eltern erkannten seine Begabung früh und stellten Lehrer für ihn ein: Mit zehn Jahren kannte er den Koran auswendig, das Rechnen lernte er bei einem indischen Gemüsehändler, hanafitische Rechtswissenschaft bei Ismail al-Zahid, und die Isagoge des Porphyrios las er mit dem Arzt und Philosophen al-Natili, der ihm bald riet, allein weiterzugehen. Den Almagest des Ptolemäus und die Elemente des Euklid arbeitete er ohne Hilfe durch und beherrschte mit achtzehn die griechischen Wissenschaften. Mit siebzehn behandelte er bereits den samanidischen Herrscher Nuh II., eine Stellung, die ihm die Palastbibliothek öffnete.
Das samanidische Reich fiel 999, und den Rest seines Lebens verbrachte Avicenna auf Wanderschaft zwischen den Höfen Persiens und Zentralasiens, in Gurgandsch, Gorgan, Rey, Isfahan und Hamadan, wo er den Herrschern als Arzt und zeitweise als Wesir diente und nachts und unterwegs schrieb. Von den rund 450 Werken, die ihm zugeschrieben werden, sind etwa 240 erhalten, davon ungefähr 150 zur Philosophie und 40 zur Medizin, überwiegend auf Arabisch, einige auf Persisch, Gedichte in beiden Sprachen. Das Buch der Heilung ist eine Enzyklopädie der Logik, der Naturkunde, der Mathematik und der Metaphysik; der Kanon der Medizin fasst die griechische und die persische Heilkunde zu einem geordneten System zusammen, geprüft an der eigenen Beobachtung am Krankenbett, und behandelt in fünf Büchern Anatomie, Arzneimittel, Diagnose und Krankheitsursachen. Seine Methode war darin eigen, wie bewusst sie empirische Beobachtung mit logischer Analyse verband. In der Philosophie war er der große Aristoteliker der islamischen Welt: Er unterschied zwischen Wesen und Dasein und ersann das Gedankenexperiment vom schwebenden Menschen, der ohne jede Sinneswahrnehmung dennoch um sein eigenes Dasein wüsste.
Avicenna starb 1037, wenig über fünfzig Jahre alt, und wurde in Hamadan bestattet, wo sein Grab bis heute besucht wird. Bis zum zwölften Jahrhundert hatten Übersetzer in Spanien seine medizinischen Schriften ins Lateinische übertragen, und der Kanon der Medizin wurde zum Lehrbuch in Montpellier, Padua und an weiteren europäischen Universitäten, vorgeschrieben noch 1650. Ebenso unmittelbar ging seine Metaphysik in die Schulen des christlichen Europa über, wo Albertus Magnus und Thomas von Aquin sich an ihm rieben und von ihm lernten, und in die spätere islamische Philosophie, die seine Fragen zu ihren eigenen machte. Er gehörte zu den letzten Denkern, die das gesamte Wissen einer Epoche, Medizin und Logik, Astronomie und Theologie, Mathematik und Dichtung, in einem Kopf und in einem Werk vereinen konnten. Sechs Jahrhunderte lang lernten die Ärzte zweier Kulturkreise ihr Handwerk aus seinen Seiten.