Ástor Piazzolla
1921 – 1992 · Argentina

Bekannt für: Argentinischer Bandoneonist, Schöpfer des Nuevo Tango
“Er holte den Tango aus dem Tanzsaal und stellte ihn in den Konzertsaal.”
Biografie
Ástor Piazzolla wurde am 11. März 1921 in Mar del Plata geboren, als einziges Kind von Vicente Piazzolla, den alle Nonino nannten, und Asunta Manetti, beide Nachkommen italienischer Einwanderer. 1925 zog die Familie nach Greenwich Village in New York, damals ein rauer Stadtteil aus Gangstern und hart arbeitenden Einwanderern; die Eltern arbeiteten lange, und der Junge, der hinkte, lernte auf der Straße, sich zu behaupten. Zu Hause hörte er die Platten seines Vaters mit den Tangoorchestern von Carlos Gardel und Julio de Caro, daneben Jazz und Bach; 1929 entdeckte der Vater in einem Pfandhaus ein Bandoneon, und das Instrument wurde sein Leben. Mit elf schrieb er seinen ersten Tango, Unterricht erhielt er bei dem ungarischen Pianisten Béla Wilda, der ihm beibrachte, Bach auf dem Bandoneon zu spielen, eine ungewöhnliche Schule, die alles Spätere prägte. 1934 begegnete er Carlos Gardel, spielte in dessen Film El día que me quieras einen Zeitungsjungen und wurde auf dessen Tournee eingeladen, doch der Vater hielt ihn für zu jung; im Jahr darauf kamen Gardel und sein Orchester bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.
Seit 1936 wieder in Argentinien, ging Piazzolla mit siebzehn nach Buenos Aires und trat 1939 in das Orchester des Bandoneonisten Aníbal Troilo ein, zunächst als Vertretung, dann als vierter Bandoneonist, Arrangeur und gelegentlicher Pianist. Von seinem Verdienst bezahlte er auf Rat Arthur Rubinsteins den Unterricht beim Komponisten Alberto Ginastera; nach den Nächten in den Tangoklubs stand er früh auf, um die Proben des Orchesters des Teatro Colón zu hören, und arbeitete sich durch Strawinsky, Bartók und Ravel. Fünf Jahre dieser Schule gaben ihm jene Instrumentierungskunst, die er selbst zu seinen Stärken zählte. Troilo begann zu fürchten, die fortgeschrittenen Ideen des jungen Musikers könnten die Tänzer vertreiben, und 1944 verließ Piazzolla das Orchester. 1946 gründete er seine eigene Orquesta Típica, löste sie 1950 wieder auf und gab den Tango beinahe ganz auf: Er schrieb, studierte Dirigieren bei Hermann Scherchen und hörte Jazz, während er nach einer eigenen Sprache suchte. Die Sinfonie, mit der er sich 1953 um den Fabian-Sevitzky-Preis bewarb, löste im Saal eine Schlägerei aus, weil er zwei Bandoneons in ein Sinfonieorchester gesetzt hatte; sie brachte ihm zugleich ein französisches Stipendium für das Studium bei Nadia Boulanger in Paris, die ihn zu jenem Tango zurückschickte, den er hatte verbergen wollen.
Es folgte der Nuevo Tango: der Tango als Wurzel bewahrt, aber geöffnet für Kontrapunkt, Dissonanz und die Improvisation des Jazz, geschrieben für Zuhörer und nicht für Tänzer. Seine Quintette, vor allem das Quinteto Nuevo Tango, gaben dieser Musik ihren Klang aus Bandoneon, Violine, Klavier, E-Gitarre und Kontrabass, und Werke wie Adiós Nonino, entstanden nach dem Tod des Vaters, María de Buenos Aires, Libertango und Las Cuatro Estaciones Porteñas wurden vom Skandal zum festen Repertoire. In Buenos Aires widersetzten sich ihm die Traditionalisten jahrelang, und oft hörte man ihn im Ausland früher als zu Hause. Ein Schlaganfall 1990 in Paris beendete sein Spiel, und am 4. Juli 1992 starb er in Buenos Aires. Seine Partituren spielen heute Tangoensembles ebenso wie Sinfonieorchester und Streichquartette, und die Frage, die er erzwungen hatte, ob der Tango die Tanzfläche verlassen dürfe, ist zu seinen Gunsten entschieden.